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Vorgehen bei der Depressionsbehandlung



In der Behandlung der Depressionserkrankung steht zunächst einmal das Symptommanagement ganz im Vordergrund. In dieser Anfangsphase der Behandlung geht es darum, den Patient in seiner Verzweiflung anzunehmen und ihm das ehrliche Verständnis. Der Therapeut zeigt ihm sanft und schrittweise durch hoffnungsfrohe Äußerungen und eine frische, klare und offene Grundhaltung einen anderen Weg. Ganz so wie in dem Bild einer Medaille, der Patienten immer nur auf eine der beiden Seiten starrt und von ihr nicht loskommt. In diesem Bild bleibend ist es sodann die Aufgabe des Therapeuten die Medaille zu drehen und dem Patienten immer wieder neu die andere Seite der Medaille zu zeigen und ihm diese verstehbar zu machen. Durch Imaginationsübungen kann dieser Prozess unterstützt werden, und der Patient auf einer anderen Ebene mit dieser emotionsfokussierenden Technik die mögliche andere Seite der Medaille nicht nur von Therapeuten zu hören und erklärt zu bekommen, sondern sie auch leibhaftig zu erleben. Zum Symptommanagement gehören auch Techniken des Aktivitätentrainings. Der Patient entwirft also gemeinsam mit seinem Therapeuten eine Liste von möglichen Verhaltensweisen, die ihm helfen, sich abzulenken und selbstwertschätzende Sichtweisen entstehen zu lassen bzw. aufzubauen. Solche Aktivitäten können folgende sein:

Kartenspiele oder Brettspiele spielen

wandern

Sich entspannen und Zeitung lesen

ins Kino gehen
Das Bett frisch beziehen

Eine Ölmassage geben oder geben lassen

Ein entspannendes heißes Bad nehmen

Eine Stunde im Lieblingskaufhaus verbringen

Vögel oder Enten füttern Ihre Lieblingsmusik hören
kochen

Eine Make-up-Vorführung veranstalten

lesen

Etwas Neues für den Kleiderschrank kaufen

radfahen Eine neue Frisur ausprobieren
joggen Die Bibliothek besuchen
schwimmen

Eine Fußmassage bekommen oder geben

und natürlich viele andere mehr.

Im Zentrum steht hierbei auch der Kontakt zu anderen Menschen. So sollte gerade in Zeiten, wo die depressiven Symptome den Impuls auslösen, sich zurückzuziehen und damit die Depression aufrechtzuerhalten, mit anderen in Kontakt getreten werden. Oder einen anderen zu einem gemeinsamen Spaziergang einzuladen.

Parallel dazu erfolgt die Gabe einer auf die Schwerpunktsetzung der depressiven Symptomatik (z. B. rezidivierend, oder starke Schlafstörungen, oder starker Antriebsmangel) zugeschnittenen antidepressiven Medikation.

Nach dieser akuten ersten Phase des Symptommanagements geht es dann um die Funktionalitätsarbeit. Dazu werden mit dem Patienten die Hintergründe seiner Symptomatik beleuchtet beginnend mit einer differenzierten Betrachtung der Kindheitsgeschichte. Hierbei geht es darum, gemeinsam zu verstehen, welche Bedürfnisse für den Patienten unerfüllt blieben und ihm diese Situation zu übersetzen, damit er diese verstehen kann. Dies ist die Voraussetzung dafür, die entstandenen Schemata und dysfunktionalen Grundannahmen zu verstehen und in aktuellen Beziehungen nachzuvollziehen, wann diese erneut aktualisiert werden. Dies ist schließlich der eigentliche Schwerpunkt der Behandlung. Wenn diese Schemata und dysfunktionalen Grundannahmen benannt und vom Patienten verstanden worden sind, kann es darum gehen, diese Situationen des Wiederauftretens der von damals her stammenden Muster und Schemata zu identifizieren und genauer zu analysieren. Dies wiederum ist der Ausgangspunkt für konkrete Veränderungsschritte, im Rahmen derer die auftretenden Schemata geheilt werden. Konkrete Verhaltensänderungen bestehen zum Beispiel im Aufbau von antidepressivem Verhalten: Sich-Durchsetzen, Bedürfnisse einfordern und Sich-Verweigern. Die Heilung der Schemata erfolgt zum Beispiel darüber, dass nicht wie früher als Kind einfach ertragen werden muss, dass eigene Bedürfnisse unerfüllt bleiben, deren Befriedigung mir als Kind zugestanden hätte, sondern dass diese Situation transparent kommuniziert wird und vorwurfsfrei das unerfüllte Bedürfnis formuliert wird. In einem zweiten Schritt kann dann noch in einer Ich-Botschaft der Wunsch einer konkreten Bedürfniserfüllung ohne Anspruch auf automatische Erfüllung konkretisiert werden. Das Wesentliche ist also nicht so sehr, dass ich nun alle meine Bedürfnisse erfüllt bekomme, sondern vielmehr, dass ich eigenverantwortlich eben für mich eintrete und konkret den Wunsch nach außen trage anstatt wie früher unter der Fessel der Depression nichts zu sagen, und auf den eigenen unerfüllten Wünschen sitzen zu bleiben.

In einem nächsten Schritt geht es darum, auch den Beziehungspartner aus dem Lebensumfeld einzubeziehen und diese neuen Wege unter therapeutischer Begleitung zu erproben und gewissermaßen in Paargesprächen zu trainieren, bis diese neue Erfahrung auch selbstständig Anwendung im Beziehungsalltag finden kann. Dazu erhält das Paar konkrete Aufgaben, die sie beide erfüllen und in einer nächsten Sitzung den Verlauf bei der Umsetzung und die aufgetretenen Schwierigkeiten reflektieren, notfalls korrigieren und ergänzen.

Im Rahmen der Rückfallprophylaxe fertigt sich er Patient eine Erinnerungskarte an, auf die alten Muster und Schemata stehen, ebenso der neue Lösungsweg. Nun kann der Patient im Alltag neue Wege einschlagen, immer wenn diese Muster auftreten und er sich anhand seiner Erinnerungskarte daran erinnern, dass es sich ja nur um die Aktualisierung eines alten Schemata handeln. Zum Beispiel fühle ich mich enttäuscht, weil der Partner meinen Wunsch nicht erfüllte, ob ich ihn offen formulierte. Dann ist unter Umständen das Schema der emotionalen Entbehrung, der Isolation und des emotional Im-Stich-Gelassen-worden-seins aktualisiert. Die kindliche Erlebensweise vermisst also in dieser Situation, die Zuwendung, die mir zustünde, fühlt sich allein und an den Rand geschoben und von dem Gegenüber nicht wahrgenommen. Zu reife erwachsene Seite kann nun eine Stützung und Neuorientierung vornehmen und einerseits formulieren, dass ich es nicht in Ordnung finde und es mich ärgert, dass eigen formulierte Bedürnisse nicht beachtet werden. Überdies kann im inneren ein verständnisvoller und fürsorglicher Prozess der Akzeptanz einsetzen, dass nicht alle meine Wünsche, die ich offen formuliere, auch erfüllt werden müssen und Enttäuschungen auftreten dürfen in meinem Erwachsenenleben.





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