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Auf dem Weg zum natural running


TRADITIONELLE LAUFSCHUHE:
Bei Sportlern, die in solchen Schuhen auf dem Laufband joggten, war die Hüfte im Schnitt um 54 und waren die Knie zwischen 36 und 38 Prozent stärker belastet als beim Barfusslaufen


Biomechaniker forcieren es schon lange - nun bringen Hersteller Laufschuhe mit natürlicher Bewegungsfreiheit

Von Sabine Olff

Die Laufschuhindustrie strotzt vor Erfindergeist, aber nur auf den ersten Blick. Denn hinter Gel, Air, Shox, Heel-Clutching-System oder Pronationsstützen steckt im Wesentlichen immer das gleiche, alte Prinzip: dämpfen, stützen, führen. «Möglicherweise ist genau das falsch», sagt Gert-Peter Brüggemann, Leiter des Instituts für Biomechanik und Orthopädie an der Deutschen Sporthochschule in Köln. Denn die Zahl der laufinduzierten Verletzungen habe in den letzten 30 Jahren nicht merklich abgenommen.

Nun steht eine neue Gattung Schuh am Start. Sie soll die Bewegungen des Fusses zulassen, die er selbst favorisiert, und so die Rate der Verletzungen reduzieren. Kurz: Natural Running. Das Konzept geistert schon länger durch die wissenschaftliche Literatur. Jetzt haben es Hersteller aus der Gesundheitsschuhecke und der Triathlon-Szene erstmals konsequent umgesetzt.

«Man hat vor dem Aufprall des Fusses Angst bekommen»

Den vermutlich falschen Weg schlugen die grossen Laufschuhfirmen bereits vor mehr als 30 Jahren ein. «Man hat plötzlich vor dem Aufprall des Fusses auf den harten Boden Angst bekommen», sagt Brüggemann. Dämpfungselemente wurden vor allem unter der Ferse eingebaut und der Fuss hochgebockt. Die Folge: Der Rückfuss wurde instabil; der Fuss kippte beim Joggen verstärkt nach innen (Pronation). Fersenklammern und Pronationsstützen sollten dem Fuss die Stabilität zurückgeben. «Ihm wurde eine unnatürliche Bewegung aufgezwungen», sagt Brüggemann.

Ob solch stabiles Schuhwerk die läufertypischen Leiden an Knie, Schienbein und Achillessehne reduzieren kann, wurde offenbar noch nie systematisch untersucht. So wollten australische Mediziner alle klinischen Studien zum Thema Verletzungsrate beim Tragen von Stabilschuhen zusammentragen. Sie fanden keine einzige. «Für die Empfehlung dieses Schuhtyps fehlt die wissenschaftliche Basis», schrieben sie vor zwei Jahren im «British Journal of Sports Medicine».

Gut dokumentiert ist hingegen, was die Gelenke auszuhalten haben, wenn die Füsse in herkömmlichen Laufschuhen stecken. In einer kürzlich publizierten Studie spulten 68 Sportler barfuss und in als neutral eingestuften Joggingschuhen ihre Kilometer auf dem Laufband ab. Die Hüfte wurde während des «beschuhten» Laufs im Schnitt um 54 Prozent stärker belastet als beim Barfusslauf. Auf die Knie wirkten zwischen 36 und 38 Prozent höhere Kräfte ein.

Auch das Wissenschaftsmagazin «Nature» nahm sich kürzlich des Themas an. Laut einer Studie von Daniel Lieberman, Evolutionsbiologe an der Harvard University in Cambridge, rennen gebürtige Barfussläufer auf festem Untergrund ganz anders und für die Gelenke verträglicher als Jogger, deren Füsse in Laufschuhen stecken. Letztere treten zuerst mit der Ferse auf, während die barfüssigen Läufer eher mit dem Ballen oder dem Mittelfuss aufsetzen. Der Fuss federt so den ersten Aufprall ab, das Knie wird weniger stark belastet als das der Schuhträger.

«Das weiss man schon lange», sagt Brüggemann. Ihm fehlt die Differenzierung: Barfussläufer liefen nicht per se auf dem Vorfuss; ob Ballen oder Ferse, sei abhängig vom Untergrund. «In gängigen Joggingschuhen haben die Füsse diese Freiheit nicht mehr.»

Barfussschlappen sollen vor Schnittverletzungen schützen

Nun soll sie ihnen zurückgegeben und die Schuhe abgerüstet werden. Das heisst: Fuss nah an den Boden bringen und möglichst alle Materialien weglassen, die wie Pronationsstützen als Hebel wirken. «Auf dieses Umdenken warte ich seit zehn Jahren», sagt Bernhard Segesser, der als orthopädischer Chirurg an der Praxisklinik Rennbahn in Muttenz arbeitet und Laufschuhtrends seit den 1970er-Jahren kritisch unter die Lupe nimmt.

In den USA wird der Trend zu mehr Fussfreiheit in Extremform betrieben: Einige Jogger laufen sogar einen Marathon auf blanken Füssen. Um die Füsse zumindest vor Schnittverletzungen und spitzen Steinen zu schützen, haben Hersteller wie Vibram und Feelmax bereits Minimalschlappen zum Joggen kreiert.

Weder für Brüggemann noch für Segesser ist das jedoch die Lösung. «Wir haben uns verändert», sagt Brüggemann, «unsere Fussmuskulatur ist verkümmert, die dicken Fettpolster unter Ballen und Ferse sind auf ein Minimum geschrumpft.» Man brauche einen Schuh, der die natürlichen Bewegungen der Gelenke zulässt, sie dabei unterstützt und die Belas-tungen gleichzeitig reduziert.

Und so sollte ein Natural-Running-Schuh aussehen: flache Sohle aus weichen elastischen Materialien, die das Fettgewebe simulieren; kein wesentlicher Höhenunterschied zwischen Vor- und Rückfuss; schmale, abgerundete Ferse; der Rückfuss ist gegen den Vorfuss beweglich und der Schuh vor allem im vorderen Bereich flexibel. Stützende und dämpfende Elemente fehlen weitgehend. «Die richtige Konstruktion ist ein Hochseilakt», sagt Segesser.

So gebaut, setzt der Fuss etwas später auf als in herkömmlichen Laufschuhen. Die Laufbewegung wird insgesamt flacher und runder. «In den traditionellen Modellen ist das eher eine Klappbewegung», sagt Brüggemann, «wie beim Flugzeug bei der Landung: erst die Hinterräder dann der Rest.» Durch die insgesamt leicht instabile und bodennahe Bauweise soll die Fussmuskulatur aktiviert werden und für Stabilität und aktive Dämpfung sorgen.

Einer, der sich an die Umsetzung gewagt hat, ist der dänische Schuhhersteller Ecco - ein Neuling auf dem Laufschuhmarkt. Seit letzter Saison steht sein Modell namens «Biom» in ausgewählten Laufschuhshops. «Das sind die Ersten, die die Ideen konsequent aufgegriffen haben», sagt Brüggemann.

Andere innovative Entwicklungen kommen aus der Triathlon-Szene. «Scott hat Schuhe, die in die Richtung gehen, oder Newton», sagt Segesser. Und On. Das kleine Schweizer Unternehmen, an dem der Ex-Triathlet Olivier Bernhard beteiligt ist, heimste mit seinem Schuh kürzlich an der Internationalen Sportartikelmesse in München den Brand New Award ein. Ab Juni ist der «On» zu haben. Charakteristischstes Merkmal: die Sohle, die aus 13 kreisförmigen, hohlen Gummielementen besteht, die sich beim Aufprall schliessen und flach wie eine Flunder werden.

Und Laufschuhriesen wie Asics, Adidas oder Nike? «Die haben auch abgerüstet», sagt Segesser, «und zwar indem sie weniger dämpfen als früher.» Für Änderungen im grossen Stil seien sie bislang aber nicht bereit gewesen. Das sieht auch Brüggemann so. Er sagt: «Die Kleinen haben die Grossen in letzter Zeit ganz schön geärgert. Das ist gut so.»

Ein Alltagsschuh wird zum Kraftraum für die Füsse

Die letzte Revolution seitens der grossen Hersteller ist für Brüggemann der Free von Nike, ein Barfussschuh. Im Unterschied zu den Natural-Running-Modellen ist er nicht zum Laufen da. Durch das blosse Tragen als Alltagsschuh sollen die Füsse belastet und die Muskulatur trainiert werden - ein Kraftraum für die Füsse. Dass die Idee funktioniert, belegen erste Studien. Eine Untersuchung mit 100 Freizeitsportlern zeigte, dass ein sechsmonatiges Free-Training die laufinduzierte Verletzungsrate im folgenden Jahr um etwa 30 Prozent reduziert. Barfusstraining und Free-Tragen empfehlen die Experten auch allen Läufern, die auf Natural-Running-Modelle umsteigen wollen. «Mit einer gut trainierten Fussmuskulatur ist es fast für jedermann möglich, solche Schuhe mit Vergnügen zu laufen», sagt Segesser.

Ob die neuen Modelle tatsächlich den Laufstil verändern und dadurch Belastungen und letztlich die Zahl der Verletzungen reduzieren, ist zum jetzigen Zeitpunkt aber noch völlig unklar.

Quelle: Publiziert am 04.04.2010
von: sonntagszeitung.ch
Gesendet am 28 Feb 2012 von admin








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